Der Menstruationszyklus als Weg der Präsenz

Der Menstruationszyklus

Der Menstruationszyklus, der passiert so nebenbei, schränkt mich ein, ist lästig, unnötig, die schlimmste Sache der Welt, belastend, schmerzhaft…Ich bin nur froh, wenn es vorbei ist! Das sind Aussagen, die wir sicherlich alle kennen und ich sehr oft in meiner Arbeit mit Frauen höre. Ein großer Teil meines Wirkens ist es, Frauen dabei zu begleiten, ihren Körper wieder kennenzulernen, ihn als spürbar zu erfahren und durch diese Verbindung, voller Kraft ihren ganz ureigenen Weg zu gehen. Der Menstruationszyklus ist dabei ein ganz essentieller Richtungsweiser und Anker für das Selbsterleben.

Die vier Phasen des Zyklus

Phase 1

Oft wird mit dem Menstruationszyklus die Blutungszeit oder auch Periode verbunden. Jedoch bezieht sich der Menstruationszyklus auf eine sich wiederholende, kreisförmige Bewegung des sich körperlichen und emotionalen Öffnens und Schließens. Der Menstruationszyklus kann in vier verschiedene Phasen aufgeteilt werden, wobei die Blutungszeit den Beginn eines neuen Zyklus kennzeichnet. Jeder Phase wird eine andere Qualität zugeordnet. So wird die Zeit der Blutung dem Winter zugeschrieben, da in dieser Phase der Körper nicht nur die Gebärmutterschleimhaut loslässt, sondern auch eine emotionale Einkehr, ein Sichbesinnen stattfinden kann. Es ist die Zeit des Erholens, Träumens und Nichtstun.

Phase 2

Die Phase nach der Blutung wird als innere Frühlingszeit bezeichnet, da der Körper nach dem Loslassen des Blutes langsam wieder für einen neuen Zyklus erwacht, Östrogen wieder beginnt anzusteigen und dadurch die Gebärmutterschleimhaut sich wieder aufbaut. Die Gefühle sind eng verknüpft mit dem körperlichen Geschehen. Demnach kann auf der emotionalen Ebene in dieser Phase ein Gefühl von Neugier oder auch Unbeschwertheit und Unschuld entstehen. Neue kreative Ideen können wachsen, welche nicht gleich umgesetzt werden müssen. Es ist die Zeit des Ausprobierens und der Ausrichtung.

Phase 3

Dem Frühling folgt die Phase des Sommers, die Zeit des Eisprungs. In dieser Phase kann die Vitalität sehr hoch sein, da hier der Östrogenverlauf seinen Höhepunkt erreicht und frau an dieser Stelle im Zyklus es oft leichter hat, die Komplexität des Lebens zu meistern und auch tatkräftig viele Aufgaben auf einmal schultern kann. Die Eisprungphase kann von einem Gefühl der inneren Kraft, Lebenslust, Extrovertiertheit und erhöhter Libido einhergehen.

Phase 4

Der sich anschließende Herbst oder auch premänstruelle Phase genannt, ist die Zeit, in der viele Frauen sich unwohl im Körper fühlen. Auch können gerade in dieser Phase Gefühle wie Traurigkeit, Angst und Wut und ein allgemeines Genervtsein sich verstärkt zeigen. Östrogen und Progesteron fallen ab, der Körper wird emotional durchlässiger, körperliche Stagnation und nicht ausgedrückte Gefühle finden ihren Ausdruck über Gereiztheit, Schlappheit, Schwere, angeschwollene Brüste, Kopf- und Unterleibsschmerzen etc.

Doch es ist nicht der Menstruationszyklus an sich, der diese Beschwerden bereitet, sondern der Menstruationszyklus ist eher Sprachrohr für innere emotionale oder körperliche Unausgeglichenheit.

Getrennt von der Natur

Wir leben in einer Zeit, die sich als getrennt von der Natur erlebt, in der das zyklische Leben keinen Platz hat. Und doch sind gerade Frauen zyklische Wesen. Der Menstruationszyklus ist Spiegel für das zyklische Sein, welches tagtäglich in eine lineare Leistungsgesellschaft gepresst wird, in der es keinen Raum für Ausruhen, Innehalten und Erspüren gibt. Wir erfahren uns als getrennt von unseren Körpern, sind ständige Besucher des Kopfkinos und werden mit sensorischen Reizen bombardiert. Die Natur zeigt, dass es Phasen der Ruhe und Stille bedarf, bevor etwas Neues entstehen kann und dass alles beständig wiederkehrt. Doch unterliegen wir als Gesellschaft dem Glauben, immer leisten zu müssen, effektiv den Tag genutzt haben zu müssen, immer erreichbar sein zu müssen…zu müssen. Wir schauen nur nach vorn, halten nicht an, weil uns eventuell etwas einholen könnte. Unsere Körper sollen funktionieren und wenn sie es nicht tun, braucht es eine schnelle, unkomplizierte Lösung.   

Die Schätze des Menstruationszyklus

Frauen durchlaufen den Menstruationszyklus heutzutage 25 bis 40 Jahre. Das ist eine sehr lange Zeit, die Frauen damit verbringen, diesen Teil ihres Seins meist nicht bewusst zu (er)leben. Wie oft übergehen Frauen ihre eigenen Bedürfnisse, wie oft schmuggeln Frauen heute immer noch heimlich ein Tampon im Ärmel aufs Klo oder leiden still, wenn sich der Unterleib verkrampft? Übrig bleibt das Verschweigen einer Empfindung und ein so tun als wäre nichts, als wäre es ein Tag, an dem frau genauso leistungsfähig ist wie an anderen. Das Verstecken einer doch so körperlichen und emotionalen Realität hat dazu geführt, dass Generationen von Frauen eine Sprachlosigkeit gegenüber einem Teil ihrer weiblichen Natur, ihrer Mystik, ihrer Kraft und inneren Verbundenheit entwickelten.

Und es sind genau diese Schätze, die der Menstruationszyklus den Frauen in immer wiederkehrenden und doch auch immer ein klein wenig anderen Kreisen lehrt. Der Menstruationszyklus ist ein Weg der Präsenz, präsent sein mit sich, der inneren Gefühls- und Empfindungswelt. Jeder Tag ist anders, mit anderen Bedürfnissen. Das Wahrnehmen der Schwankung in Vitalität, Sexualität, Kreativität, Kontaktfreudigkeit, Gefühlen und vieles mehr unterstützt die Verbundenheit zu sich und das Annehmen der eigenen Person. Das Zyklische gibt Struktur und gleichzeitig hilft es dabei, sich mit Neugier zu betrachten und zu üben, sich den Freiraum zu geben, so zu sein wie frau an dem Tag ist. Fragen wie: Wie fühle ich mich heute? Was brauche ich heute? Wie fühle ich mich in diesem Zyklus? Welche Phase mag ich besonders gern und welche weniger? können helfen neue, unterstützende Wege zu finden, um dem eigenen körperlichen Rhythmus mehr Raum im Alltag zu geben und damit die eigene Natur zu achten.

Die Anbindung an das Becken

Der Menstruationszyklus bringt auch Aufmerksamkeit auf eine Region, in der sich Frau eher selten aufhält. Das Becken. Unsere Wurzel, körperliche Sicherheit, Erdung und Stauraum von Gefühlen, die zu fühlen Angst macht oder von den Ahnen weitergegeben worden sind und unbewusst in der Körpererinnerung schlummern. Und wie oft übergeht frau ihre körperlichen Grenzen, nimmt auf, ohne bereit zur Öffnung zu sein und betäubt ihre Wurzel. So ist es ganz verständlich, dass es nicht einfach ist, sich auf diesen Teil des Körpers einzulassen. Es ist jedoch gerade das Becken, das frau hilft, sich auf das Mysterium Leben einzulassen, Vertrauen in sich und in die Rhythmen des Lebens zu lernen.

Das Bluten ist ein natürlicher meditativer Zustand

Das Bluten ist nicht nur da, um das Loslassen von dem was körperlich sowie emotional nicht mehr gebraucht wird, zu üben, sondern ist ein ganz natürlicher meditativer Zustand, bei dem frau einen Zugang zur inneren Stille, Leere, Raum erhalten und insbesondere Erdung erfahren kann. Es ist die Erdung, die Erfahrung von körperlicher Sicherheit, die helfen kann, sich fallenzulassen in das ungewisse und doch beständige und tragende Lebensnetz. Die Anbindung zum Becken über den Menstruationszyklus hilft, aus der Mitte heraus zu leben, der Intuition zu folgen statt dem Gedankenkarussell die Führung zu übergeben, im Außen nach Lösungen zu suchen und aus einem innerem Druck heraus, Entscheidungen zu treffen.

Der Menstruationszyklus gibt die Chance, sich auf den Weg zu machen zu sich selbst, Zyklus für Zyklus zu wachsen, und sich vorzubereiten auf einen neuen Lebensabschnitt  – die Jahre der Weisheit – um dort in voller Kraft zu strahlen.

Der Zykluskalender

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Um Frauen bei dem Wahrnehmen ihres Zyklus zu unterstützen und eine Struktur für den täglichen Gebrauch zu geben, habe ich den Kalender „Zyklen achtsam leben“  entworfen. Der wunderschön illustrierte Kalender,  begleitet Frauen in ihrem zyklischen Sein in Verbindung mit den einzelnen Mondphasen. Die klare Struktur des Kalenders hilft, achtsam für eigene Bedürfnisse zu werden, sich Zeit zu nehmen für Ruhephasen, Reflektion und Kreativität. Der Kalender vereint Zykluskalender, Mondkalender, persönliches Journal und Workbook in einem.

Der Kalender ist im Onlineshop unter www.zyklusachtsamkeit.de erhältlich.

Über die Autorin

Dörte Stanek

Dörte Stanek hat Somatische Psychologie (Master, USA) an der buddhistisch geprägten Naropa University studiert und ist in eigener Praxis in Berlin tätig. In ihrer Arbeit verbindet sie die Liebe zum Körper, zur bewussten Bewegung und zum Frausein. Frauen auf dem Weg zurück in ihren Körper und somit auch in ihre Kraft, Verletzlichkeit, Selbstliebe und persönliche Freiheit zu begleiten, ist ihr eine Herzensangelegenheit. Zyklusachtsamkeit und die Arbeit mit dem Beckenraum sind zentrale Bereiche ihres Wirkens. Des Weiteren unterstützt sie Menschen mit körperorientierter Traumatherapie, Somatischem Yoga und Frauenkreisen zu verschiedenen Themen. Mehr Informationen unter www.koerper-geschichten.de


26 Antworten auf „Der Menstruationszyklus als Weg der Präsenz“

  1. Total interessant! Ich muss gestehen, ich kann mich mit meinem Zyklus trotzdem nicht wirklich anfreunden und war während der Schwangerschaft total froh, dass ich eine Pause davon hatte (bzw immer noch habe)…

    Alles Liebe, Katii

    1. Liebe Katii,
      danke für dein Kommentar! Jede Frau hat ihre eigene Geschichte mit dem Menstruationszyklus und oft werden Einstellungen über den Zyklus und Weiblichkeit über Generationen weitergegeben. Doch am Ende entscheidet jede Frau für sich selbst, wie sie sich begegnen möchte.
      Alles Liebe, Dörte

  2. Oh ja,
    die Zyklen kenne ich und kann ich so bestätigen. Und jedes mal habe ich wieder mit mir zu kämpfen und versuche alles, tatsächlich daran zu wachsen. Ich werde 43 und habs noch nicht geschafft.
    Liebe Grüße
    Sandra

    1. Liebe Sandra,
      es ist auch wirklich nicht einfach in unserer heutigen Gesellschaft zyklisch zu leben, sich Zeit und Raum zu nehmen für die Menstruation und das innere Erleben während der anderen Phasen auszudrücken bzw in den Alltag zu integrieren. Allerdings bin ich neugierig….woran würdest du merken, dass du es geschafft hast, an deinem Zyklus zu wachsen? Vielleicht passiert ganz viel im Verborgenen. Die Tatsache, dass du deinem Zyklus Aufmerksamkeit schenkst, ist schon sehr viel geschafft!
      Herzlichen Gruß, Dörte

  3. Mir waren diese Zyklen bisher nie so richtig bewusst, ich merke bei mir selbst auch nur selten Unterschiede im Laufe des Monats. Daher vielen lieben Dank für den informativen Beitrag 🙂

  4. Eine wirklich lange Zeit, die wir Frauen uns oft wirklich viel zu wenig mit unserem Zyklus und unserem Körper auseinandersetzten. Schön das du ein wenig Aufklärungsarbeit leistest und in deinem Beitrag die Zyklen gut zusammengefasst hast. Sehr informativ!

  5. Ich bin ebenfalls kein Fan meines Zyklus und ziemlich froh, dass er durch Schwangerschaft und Stillzeit nun sehr lange fort blieb. Ich gehöre auch definitiv zu den Frauen, die nicht erkennen lassen, dass sie ihre Tage haben. Das braucht meiner Meinung nach auch keiner zu wissen.
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

  6. Interessanter Artikel mit einem wirklich spannenden Ansatz. Ich habe meinen Zyklus noch nie als wiederkehrendes Jahreszeitenmuster gesehen. Ein interessanter Gesichtspunkt. Mich stört mein Zyklus nicht, da ich immer weiß wann was auf mich zu kommt. Damit komme ich gut klar und wenn es mir eben nicht so gut geht, wird alles andere auch eben langsamer verrichtet.

    Liebe Grüße,
    Mo

  7. Ich hatte Gottseidank wirklich wenig Beschwerden, weiß aber von Freundinnen und Kolleginnen, wie lästig sie oft ihre Menstruation empfinden und dass sie sich regelrecht krank fühlen. Und ja, da wird immer nur heimlich getuschelt drüber.
    Das ist ein sehr interessanter Artikel, der bestimmt große beachtung finden wird

  8. Toller Beitrag und er ist ja so wahr! Allerdings wirft mich mein Menstruationsverlauf oft aus der Bahn! Jahrelang habe ich die Pille genommen, um meinen Eisprung zu unterdrücken, weil dieser echt schmerzhaft und mit Fieberschüben verbunden war. Nun habe ich fast ein Jahr nicht hormonell verhütet und die PMS-Phasen waren nicht so toll für meine Umgebung. Ab nächster Woche werde ich wieder hormonell verhüten. Wie ich das mache, darüber werde ich in einem Blogbeitrag berichten.

    Lieben Gruß, Bea.

    1. Liebe Bea,
      herzlichen Dank für dein Kommentar!
      Es steckt sehr viel Weisheit in unseren Körpern, doch haben wir verlernt, Zwiesprache mit dem Körper zu halten. Es würde sich sicherlich lohnen, in der Eisprungsphase zu hören, welches Bedürfnis hinter den Schmerzen und Fieberschüben liegt.
      Lieben Gruß, Dörte

  9. Tatsächlich habe ich mit meinem Zyklus absolut keine Probleme. Auch während der Periode habe ich keine Schmerzen. Daher habe ich mich zu meiner Schande nie wirklich damit auseinander gesetzt. Das muss ich unbedingt nachholen.
    Liebe Grüße,
    Emilie

  10. Ich habe die Phase der Fruchtbarkeit seit ca. neun Jahren hinter mir und bin froh darüber. Es ist schön, dass Frauen wieder ganz anders über ihre Natur und die verschiedenen Lebensphasen denken und darüber sprechen. Natürlich sollte es keine Menstruationshütten geben, in denen sich Frauen verstecken müssen, wenn sie bluten, weil sie dann unrein sind. Aber die eigene Natur achten und in der Zeit der Regelblutung kürzer treten, nicht so hohe Anforderungen an sich zu stellen und sich selbst liebevoll und sanft behandeln, sollte für Frauen und Mädchen normal sein.

  11. Für mich ist das auch immer eine lästige Zeit, die ich gerade wieder erlebe! Aber es stimmt schon, ich hab mir die Phasen mal durchgelesen, so ähnlich fühle ich mich währenddessen auch, besonders prämenstrual! Oh je 🙂 Kein Wunder also!

    Liebe Grüße
    Jana

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