Der Seins-Modus

Seins-Modus

Sein oder nicht Sein, das ist immer noch die Frage

Vielleicht fragst Du Dich gerade, was das jetzt schon wieder für ein abgehobener Scheiß ist. Wenn das so ist, habe ich in jedem Fall Deine Aufmerksamkeit und das freut mich. Warum, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Artikel Dir den einen oder anderen Aha-Effekt bescheren kann.

Die Prägung zum Tun-Modus

In meiner Kindheit war der Seins-Modus verpönt. Tun hingegen war sehr angesehen. Ein Beispiel, das mir bis heute in den Ohren klingt: „Nicht leer laufen“. Was bedeutet das. Wenn wir beauftragt wurden, zum Beispiel etwas aus dem Keller zu holen, hatten wir uns vorher umzuschauen, ob etwas mit in den Keller genommen werden konnte. Wenn wir in die Waschküche mussten, gingen wir zuvor ins Bad, um die dreckige Wäsche mit zunehmen. Anders gesagt Produktivität war in jeder Lebenslage die Maxime. Es folgte eine Rüge, wenn wir nicht funktionierten. Jeder fühlt sich bei einer Rüge unwohl, deshalb funktioniert Erziehung, wie eine solche Konditionierung, so gut.

Was ist der Seins-Modus?

Einfach sein, Tagträumen und sich nur hingeben. Also voll in der Entspannung sein und nichts tun. Ich konnte das als Kind besonders gut in der Natur, Glück pur. Stundenlang ohne Ziel durch die Wiesen oder den Wald stromern. Auf einer Wiese liegen und die Wolken betrachten. Oder mich beim Musikhören in meine Traumwelt zurückziehen.

Im Seins-Modus ist man ganz bei sich selber. Kein Gedanke geht in die Zukunft oder in die Vergangenheit.

Da gibt es ein kleines Paradox, denn wenn man etwas mit allenSinnen fokussiert tut, alles ausblendet und nicht auf ein Ergebnis aus ist, auch dann ist man im Seins-Zustand.

Wann warst Du zuletzt im Seins-Modus?

Der Tun-Modus

Der Tun-Modus ist ein Reaktionsmodus. Der Wecker klingelt, wir stehen auf, gehen ins Bad, frühstücken, gehen zur Arbeit…. Das Leben lebt uns, da wir im Autopiloten laufen. Der Tun-Modus verhindert Kreativität, lässt uns wie den berühmten Pawlowschen Hund nach der Erklingen des Glöckchens sabbern.

Exkurs

Beim Pawlowschen Hund handelt es sich um ein Konditionierungsexperiment an Hunden, das der Forsche Iwan Petrowitsch Pawlow 1905 durchführte. Für seine Versuche bekam Pawlow den Nobelpreis.

Im Experiment bekam der Hund sein Fressen immer nachdem eine Glocke geläutet hatte. Schon wenn die Glocke erklang, sonderte der Hund Speichel ab. Nach einiger Zeit der Konditionierung reichte das Erklingen der Glocke, um den Speichelfluss des Hundes auszulösen.

Muße ein anderes Wort für den Seins-Modus

Ich mag das Wort Muße, es spricht mich auf eine viel schönere Art an als zum Beispiel „Chillen“. Muße haben bedeutet, auf sich selbst bezogen und zweckfrei zu handeln.

Wir sehnen uns nach dem Sein-Modus

Wie oft höre ich in meiner Praxis „Ich möchte wieder zur Ruhe kommen“ oder „Ich sehne mich nach Ruhe und Frieden“. Wie Pilze im Herbst aus dem Boden schießen, erscheinen Achtsamkeitsschulen und Meditationsschulen oder Klosterauszeiten und Schweigeseminare auf dem Markt. Ein eindeutiger Hinweis, dass es an der Zeit ist, den Seins-Modus zu erobern.

Wie kommen wir in den Seins-Modus?

Der bekannte vietnamesische Meditationslehrer Thich Nhat Hanh sagt: „Wenn wir unseres Atems gewahr sind, können wir unseren Geist zurück nach Hause bringen.

Deshalb halte genau jetzt einmal inne, nimm Deinen Atem wahr und verweile kurz im Seins-Modus. Du fühlst Dich gerade unwohl dabei. Deine Tun-Modus-Konditionierung fühlt sich bedroht. Hab deswegen Verständnis für Dich! Schimpfe nicht mit Dir, weil Du es gerade nicht so gut hinbekommst, sondern zeige Mitgefühl für Dein Dilemma. Denn den Seins-Modus erreicht man nicht mit Leistungsdruck oder dem Gedanken, ich will perfekt sein. Nimm Dich an, genauso wie Du bist. Bleibe aus Selbstfürsorge aber dran, denn Du bist es wert. Nimm Dir immer wieder die Minute, in der Du bewusst atmest.

44 Antworten auf „Der Seins-Modus“

  1. Sehr guter Beitrag! Mir gefällt dein Ausdruck des Sein-Modus. In der Hektik wird das Elementarste oft vergessen: SEIN. Ohne dies fallen wir aus der Verbindung zu uns selbst hinaus. Dann empfinden wir uns als getrennt und nicht mehr ganz. Sein bedeutet immer wieder zu sich selbst zurück zu kehren.

  2. Liebe Annette, danke für deinen interessanten Bericht, ich finden den Satz „Wenn wir unseres Atems gewahr sind, können wir unseren Geist zurück nach Hause bringen.„“ sehr schön, ich werde ihn von jetzt ab beherzigen 🙂 herzlichen Gruß Bettina

  3. Wie sehr ich mich in diesem Beitrag wiederfinde!!! Ich muss ständig im Haus etwas machen, einen Tag nur rumsitzen geht nicht, dann bin ich ja faul. Und Faulheit ist schlecht! Sich freuen, wenn die Wohnung glänzt und man mal zwei Tage nix daheim machen muss? Geht gar nicht! Aber auf der anderen Seite kann ich herrlich in der Natur entspannen. Mit meiner Kamera losziehen und die Welt entdecken. Da komme ich dann total zur Ruhe. Das ist wie ein kleiner Urlaub für mich.

    1. Liebe Tanja,
      wie wäre es, einmal in der Natur nur zu sein ohne etwas zu tun? Versch es einmal und halte Dein schlechtes Gewissen raus.
      Alles Liebe
      Annett

  4. Ich war als Kind genauso! Und auch heute könnte ich stundenlang in die Wolken gucken und vor mich hinträumen, wenn nicht hier und da ein Termin oder eine Erledigung warten würden. Man muss sich einfach mal mehr Me-Time, Muße oder Zeit für den Seins-Modus nehmen!

    Liebe Grüße
    Jana

  5. Das ist ein unglaublich wichtiger Beitrag, danke dafür. Ich kenne viele Menschen, die immer in Aktion sind und mit dem „einfach nur mal sein“ nicht klarkommen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das in den vergangenen Jahren gelernt habe!

    1. Liebe Annette, ein schöner Beitrag. Bei uns hieß es immer „keine leeren Gänge“ und wir lachen heute darüber…
      Bewusstsein ist für mich der Zauberstab in der heutigen Zeit. Wenn ich mir bewusst mache, in welchem Modus ich mich befinde (entspannt oder getrieben ; bei anderen oder bei mir…) kann ich innehalten – durchatmen und schauen was gerade ansteht. Die ganze „plane dein Leben , täglich minutiös, immer weiter immer schneller immer sichtbar ….“ Aktion kann ich nicht mehr hören.
      Durchatmen und sich locker machen , den Druck von und selbst nehmen und auf das Leben vertrauen.
      Dann kann ich so ganz nebenbei den leeren Teller mit in die Küche nehmen und dabei ein Liedchen Summen 😄
      Danke 🙏🏻 für die Anregung und lieben Gruß

      1. Liebe Christine,
        danke, für Deinen wichtigen Kommentar. Wir benötigen Aktion und Muße. Leider kommt die Muße oft viel zu kurz in unseren Leben. Ich profitiere heute natürlich davon nicht „leer zu laufen“, aber ich darf auch einmal „fünfe gerade sein lassen“. Mein Praxisalltag brauch viel Planung, damit alles Reibungslos für Patienten und Mitarbeiter läuft, umso mehr benötige ich dann Rückzug und den Seins-Modus, zum Ausgleich.
        Alles Liebe
        Annette

  6. In dem „Ich muss immer etwas tun“ erkenne ich mich sehr gut wieder. Jedoch arbeite ich sehr daran, zu üben, einfach mal nichts zu tun. Es klappt immer mal wieder, aber noch nicht über einen längeren Zeitraum. Immer nur ein paar Minuten bisher, für mich ein großer Fortschritt. Das sind dann Momente, in denen ich z.B. mich aufs Sofa lege und dem Sonnenuntergang zuschaue. Es tut unendlich gut!

    Liebe Grüße
    Annkathrin 🌿

  7. Ach, liebe Annette,
    ich bin viel mehr im Sein Modus als mein Mann es gern hätte. Ich liebe es einfach mich treiben zu lassen. Vor allem immer dann, wenn es im Vorfeld stressig war. Das tankt mich wieder auf.
    Aber ich bin auch ein Freund vom tun- Modus und bin immer noch der Meinung, dass es immer nützlich ist zu gegebener Zeit eben keine „Leerfahrt“ zu machen. Spar am Ende des Tages nämlich auch wieder Zeit ;).
    Danke für diesen interessanten Artikel.

    Liebe Grüße,
    Mo

  8. Wie immer ist wahrscheinlich die Mischung, die das gesunde Maß ausmacht. Ich liebe es mich auch einfach mal treiben zu lassen und das Tun zu vergessen. Besonders im Urlaub ist der Sein Modus Programm – schön, dass mein Chill-Kröten-Modus auch einen professionellen Namen hat 😉

    Liebe Grüße, Milli
    (https://www.millilovesfashion.de)

  9. Hallo Annette,
    ich achte bewusst darauf öfters in den Sein-Modus zu kommen. In der heutigen Welt ist das so unglaublich wichtig! Ich kann das besonders gut in der Natur und ich versuche ansonsten mit Hilfe von Meditation und Atemübungen es mir zu erleichtern in den Modus kommen zu können.
    Grüße,
    Kerstin

  10. Liebe Annette, ein sehr schöner Beitrag, mit einem sehr interessanten Thema. Ich kenne das nur zu gut, mit dem nicht leer laufen. Man tut immer etwas und schaltet nie mal an. Man denkt immer nur daran was erledigt werden muss.

    Viele Grüße Anja

  11. Einfach wundervoll beschrieben, liebe Annette. Ich habe mich sofort wiedergefunden. Früher füllte ich alle Seminare mit möglichst viel Input, Übungen, etc. Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, meine Teilnehmer nicht ständig zu „beschäftigen“. Zum Glück hat sich das durch die Kloster-Auszeiten geändert. Diese Orte laden einfach ein, da zu SEIN. Heute gebe ich meinen Teilnehmern viel mehr Raum für Muße. Für wohltuendes Nichts-Tun. Für DA-SEIN. Aaaaaaah eine Wohltat für alle Beteiligten 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.