Die Psychologie des Petzens

Petzen

Warum Petzen in jeder freien Gesellschaft verpönt ist

Petzen, also jemanden verraten oder anschwärzen, ist in keiner freien Gesellschaft gern gesehen. In unfreien dagegen sehr.

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Soziale Normen

Wenn wir klein sind, lernen wir soziale Normen. Fast alle kleinen Kinder verpfeifen irgendwann ihre Freunde. Erwachsene bewerten dies in der Regel negativ. Doch ein kleines Kind hat noch keine echte Vorstellung von Konsequenzen. Verstandesmäßig handelt das Kind erst einmal aus seiner Sicht richtig und kann daher das negative Gefühl der Eltern oder Erzieher nicht wirklich verstehen. Ethik entwickelt sich nämlich erst durch Erfahrung. Wenn einem Kind durch sein Handeln klar wird, dass sein Petzen für den, den es verpetzt hat, Konsequenzen hat, erst dann ist es ihm möglich, die ethische Dimension zu erkennen. Hinzu kommt im Lernprozess natürlich auch die Reaktion des Verpetzten. Er wird nicht begeistert sein und das hat dann auch Konsequenzen für den der Verpetzt hat. Es muss also gut abgewogen werden, was zu tun ist. Diesen Maßstab setzen Eltern, Familie, Lehrer und Freunde. Wir lernen angemessenes Handeln im Kollektiv.

Konsequenz

Schnell lernt ein Kind dann zum einen seine Macht kennen, also Kontrolle über das Petzen auszuüben, zum anderen die Konsequenz des Verrats am eigenen Leib zu erfahren.

Welche Kinder petzen weiter? Unsichere Kinder petzen weiter. Denn petzen bedeutet eben auch, ich kann meine eigenen Werte nicht selber durchsetzen. Quält meine Freundin ein anderes Kind, habe ich zwei Optionen. Erstens: ich stelle mich auf die Seite des gequälten Kindes, stehe also für meine Wahrnehmung von Unrecht ein. Zweitens: ich traue mir das nicht zu, oder habe Angst, mich gegen meine Freundin zu stellen, dann petze ich. Eine Petze glaubt also an eine mächtige höhere Instanz und nicht an ihre Eigenwirksamkeit. Wird ein Kind in dieser Phase gestützt, dann wird ein integrer Mensch aus ihm. Wenn nicht, dann, ja was dann?

Kinder mit auffälligem Verhalten
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Manche Petzen bleiben Petzen oder werden Mitläufer

Schätzen wir als Erwachsene unsere eigene Wirksamkeit als äußerst gering ein, glauben wir also, dass wir sowieso nichts ausrichten können, dann wenden wir uns auch als Erwachsene an eine höhere Instanz. Was früher die Eltern oder Lehrer waren, sind dann der Chef, das Ordnungsamt, die Polizei.

Nicht falsch verstehen, klar gibt es Situationen in denen das genau der richtige Weg ist, doch meist ist es eben nicht so.

Die Anderen schlucken alles, aus Angst ausgegrenzt zu werden. Sie werden zu Mitläufern.

Hier kommt wieder einmal der Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ zum Tragen.

Anatomie einer Denunzianten-Ruepublik
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Ein Volk von Petzen

Wenn der Staat sich das zunutze macht und petzen belohnt, wird es mehr als bedenklich. Vor einiger Zeit gab es eine Webseite, auf der „brave Bürger“ angebliche Steuersünder anonym anschwärzen konnten. Ich weiß zwar nicht aus welchen Gründen diese geschlossen wurde, vermute aber, dass es massenhaft falsche Anschuldigungen gab. Neid und Missgunst führen ja häufig zu solchen Blüten.

Erinnern wir uns an die Hexenverfolgung. In dem Ort, wo ich lebe, wurde die letzte Hexe angezeigt, weil ihr Schwiegersohn ihren Besitz haben wollte. Der Fürst, der dies durchaus durchschaute, wandelte die Strafe von bei lebendigem Leib verbrennen zu enthaupten um. Aber auch er traute sich nicht. sich gegen die übermächtige Kirche zu stellen.

Die Hexen
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Whistleblower

In unseren modernen Wirtschaftssystemen spricht man, wenn es um Petzen geht, von Whistleblower. Auch hier gibt es Firmen, in denen man anonym Kollegen anschwärzen kann. Ich habe noch nie verstanden, wie man in einer solchen Firma arbeiten kann. Keiner spielt mehr fair oder stellt sich seinem Gegenüber mit offenem Visier. Was für ein ungesundes Betriebsklima. In diesen Firmen verzeichnet man sicherlich viel mehr Burn-out Erkrankungen als in Firmen mit einer gesunden Gesprächskultur.

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Coronablüten

Gerade erleben wir durch Corona eine Zunahme, Denunzianten und die Blogwartmentalität nimmt zu.

Da gibt es einen Schuldirektor, der die Kinder dazu aufruft, ihre Mitschüler, die die Masken nicht ordnungsgemäß tragen, zu verwarnen und zu verpetzen. Dies wird lebenslange Konsequenzen für die Schüler haben, denn dieses unethische Verhalten verfestigt sich bei Kindern schnell. Es ist noch gar nicht lange her, da haben in der DDR Kinder ihre Eltern an den Staat ausgeliefert. Indoktriniert von einem korrupten Staat wurden Sie korrumpiert und zu Denunzianten erzogen.

Da werden Menschen, die keine Maske tragen können oder wollen aus Zügen geschmissen oder verprügelt, als Asis bezeichnet oder aus Märkten geworfen. Egal, ob sie ein Attest haben, ob es rechtens ist oder ethisch vertretbar ist oder eben nicht. Kaum verlässt man den Markt, stehen dieselben Menschen draußen und unterhalten sich maskenlos mit einer dort getroffenen Person. Klar, das Virus wird nur im Markt und von einem Fremden übertragen.

Kaum zu glauben, dass unsere Regierung die Antifa auf die Straße bringt, die alle artig eine Maske tragen und gegen friedliche Demonstranten anschreien lassen, die für unsere Freiheit auf die Straße gehen. Sie schreien „Nazis tragt eine Maske!“  und „Wir impfen euch alle“. Schöne neue Welt.

Da werden Friseure von Nachbarn angeschwärzt, weil sie vermuten, dass im Salon keine Masken getragen werden.

Ich könnte endlos viele Beispiele hier anführen, will es aber dabei belassen.

Und der Staat fördert Denunziation, wieder einmal!

Drittes Reich, DDR unsere Vergangenheit ist geprägt von Denunziation im Namen der Regierung.  Gelernt haben wir daraus anscheinend nichts. Doch wäre es zu kurz gesprungen, alles darauf zu schieben. Jeder einzelne von uns ist für sein Handeln vollumfänglich selbstverantwortlich. Da wird ein Freifahrtschein ausgestellt und Menschen, die nicht gelernt haben selbstwirksam zu handeln, sind auf einmal mächtig. Da wird die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit ausgenutzt und Menschen werden zu Pharisäern, fühlen sich aber als Gutmenschen, da sie sich auf der moralisch sicheren Seite wähnen. Doch Denunzieren hat für alle Konsequenzen, für den Verräter und den Verratenen. Daran werden wir noch lange knabbern.

„Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.“

Franz Werfel

Judaslohn
Judaslohn

20 Antworten auf „Die Psychologie des Petzens“

  1. Ich finde, dass das ein schwieriges Thema ist, das nicht nur schwarz und weiß ist, sondern viele Grauzonen aufweist. In mancher Hinsicht finde ich es richtig „zu petzen“, in mancher Hinsicht sollte man es nicht tun.
    Aber das muss man auch lernen.

    Michelle

    1. Liebe Michele,
      wo ist Deiner Meinung nach petzen richtig? Beim Petzen geht es um Moral. Petzer oder Denunzianten zeigen jemanden an, verleumden oder kompromittieren ihn aus niederen Beweggründen. Sie wollen sich moralisch überlegen fühlen oder neiden zum Beispiel dem anderen seinen Status.
      Alles Liebe
      Annette

  2. Liebe Annette,
    allein das Wort „petzen“ hat einen negativen Touch, wie ich finde.
    Für mich hat es aber nichts mit petzen zu tun, wenn man seine Meinung vertritt, auch wenn diese nicht Mainstream ist. Mir sind dann aber wirklich Argumente sehr wichtig.

    Viele Grüße, Katja

    1. Liebe Katja,
      ich denke, Du hast den Text nicht verstanden. Es geht nicht um Meinungen vertreten, sondern ums Denunzieren. Ich bin die größte Verfechterin der Meinungsfreiheit. Nehme mir allerdings auch das Recht heraus auf meinen Plattformen mir Trolls, Ignoranten und Dummköpfe vom Hals zu schaffen. Die dürfen dann ihre Meinung auf ihren eigenen Plattformen gerne kundtun.
      Alles Liebe
      Annette

  3. Vielen Dank, dass Sie dieses brandaktuelle Thema hier mutig behandelt haben.
    Es ist unfassbar traurig, was in unserer angeblich so geschichtsbewussten Gesellschaft innerhalb eines halben Jahres wieder salonfähig geworden ist oder als solches verordnet und brav voreilend befolgt wird. Und ausgerechnet in Schulen. Jede Gegenstimme ist ein Lichtblick.

    1. Liebe Frau Dittmann,
      jede einzelne von uns steht in der Pflicht in dieser Zeit laut und deutlich auf die Missstände hinzuweisen und ihnen entgegenzuwirken. Und ja jede Gegenstimme ist ein Lichtblick! Viele Lichter erhellen das Dunkle!
      Alles Liebe
      Annette

  4. Liebe Annette, ein interessanter Beitrag, als ich „Petzen“ las, dachte ich an kleine Mädchen und ihre harmlosen Streitereien, dabei ist das Thema nicht so harmlos wie man denkt, im Gegenteil, in dem Licht habe ich das noch nie gesehen… Hexen zum Beispiel: in Harry Potter schreibt J.K. Rowling, dass Hexen es liebten, verbrannt zu werden und sich in ihrem Leben wiederholt haben denunzieren und verbrennen lassen, „das kitzelt so schön“ – oh nein, das kitzelt nicht, das ist richtig schlimm… liebe Grüße Bettina

    1. Liebe Bettina,
      es ist mir ein Anliegen die Missstände psychologisch anschaubar aufzuarbeiten. Gerade wir Deutschen haben ja eine unrühmliche Denunzianten Geschichte. Drittes-Reich und DDR. Das darf sich in keinem Fall wiederholen!
      Alles Liebe
      Annette

  5. „Petze, Petze ärgert sich, weil sie keine Freunde kriegt“ haben wir als Kinder – frei nach dem Kinderlied – immer gerufen, wenn einer wieder denunzieren wollte… Oh Annette, da hast du meinen Nerv getroffen – und diese unschöne menschliche Facette gut zusammengefasst. Petzen, Verrat und Denunziantentum ist eine furchtbare „Tradition“ in verschiedenen Kulturen (und in Deutschland sowieso). Meine Großeltern haben darunter gelitten, ich dulde es auch bei Kindern nicht. Mein Tipp: Indem wir das Petzen als solches kennzeichnen (spiegeln) und dem Inhalt kein Gehör schenken, können wir den Petzen ihr Instrument ganz schnell wegnehmen.

    1. Liebe Manuela,
      Das Thema ist extrem wichtig und daher machen wir alle, denen es ebenso geht gemeinsam darauf aufmerksam. Auch meine Familie hat im Dritten Reich gelitten. Mein Großvater (väterlicher Seits) starb in einem KZ und meine Großmutter (mütterlicher Seite) wurde verfolgt, weil sie Juden geholfen hat. Beide wurden denunziert, daher liegt das Thema mir so am Herzen. Wir alle haben Verantwortung in unserer Gesellschaft!
      Alles Liebe
      Annette

  6. Liebe Annette,

    ein interessanter Artikel zu einem Thema, dass durchaus ein Balance Akt ist. Natürlich ist Petzen nichts anderes als zu denunzieren. Doch nicht immer können sich Menschen selber helfen. Dann aber kommt es, meiner Meinung nach, auf das Wie an, wenn wir uns an eine höhere Instanz wenden. Persönlich denke ich, dass wir dann nur von unseren eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen reden können. Damit sprechen wir zwar ein Problem an, aber prangern damit niemanden direkt an.

    Leider ist Petzen eine Eigenschaft, die nie verschwinden wird. Niedertracht wird es immer geben, umso wichtiger ist es auf das Thema aufmerksam zu machen und es anzusprechen.

    Liebe Grüße
    Mo

    1. Liebe Mo,
      Du hast es schön auseinanderdividiert. Petzen, denunzieren oder anschwärzen geschieht immer aus niederen Gründen. Verantwortungsvoll eingreifen geschieht aus Liebe. Hinterfragen wir also unsere Motivation ist es leicht das zu unterscheiden
      Alles Liebe
      Annette

  7. Petzen ist völlig indiskutabel, wenn es einzig und allein dem Zweck dient, jemanden aus purer Absicht zu schaden oder jemanden zu denunzieren. Ich finde jedoch, dass man genau abwägen muss, ob man mit Petzen manchmal nicht auch jemandem helfen kann. Es ist ein schwieriges Thema. Nur richtig und nur falsch gibt es hier nicht.

    1. Liebe Kerstin,
      petzen, denunzieren oder anschwärzen geschieht immer aus niederen Gründen. Was Du meinst ist etwas ganz anderes. Du meinst, denke ich verantwortungsvoll eingreifen. Hier gilt es eine deutliche Trennungslinie zum Petzen zu ziehen.
      Alles Liebe
      Annette

  8. Das war ja mal wieder ein sehr spannender Beitrag, liebe Annette! Ich als ehemaliges DDR-Kind hab auch noch in Ohren, dass ich als Kind bestimmte Sachen in der Schule nicht erwähnen sollte. Auf der Arbeit „verraten“ mir meine Kinder oft Sachen, die ich den Eltern nicht erzählen soll. Zum Glück immer nur Harmloses! Hach ja, petzen kann etwas negatives an sich haben, aber durchaus auch was Positives! Man muss nur differenzieren können!

    Liebe Grüße
    Jana

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